Situation an Berufsbildenden Schulen

​In Berufsbildenden Schulen treffen eine Reihe von Wirkfaktoren zusammen, die für Tabakmissbrauch besonders ungünstige Rahmenbedingungen schaffen:

  • Rauchen ist traditionell deutlich stärker in den einkommensschwachen sozialen Schichten und in den eher bildungsfernen Gruppen der Bevölkerung vertreten. Unter den Schülern und Schülerinnen Berufsbildender Schulen sind Personen aus diesen Gruppen überrepräsentiert.

  • An Berufsbilden Schulen sind Schüler/innen im Durchschnitt älter als an Gymnasien. Die Alterszusammensetzung macht es für Lehrkräfte schwieriger, Einschränkung des Rauchens durchzusetzen.

  • Da sich Schüler/innen im Dualen System meist nur zwei Tage in der Schule befinden, werden „Freiräume“ zur Gestaltung von Tabakprävention eingeschränkt. Die Identifikation mit der Schule ist geringer und damit auch die Bereitschaft, Anliegen der Schule zu beachten. Hinzu kommt der nicht immer günstige Einfluss der Ausbildungsbetriebe auf das Rauchverhalten der Schüler/innen.

  • Schüler/innen, die die Berufsbildende Schule an fünf Tagen der Woche besuchen, sind durchschnittlich jünger. Sie haben oftmals einen Migrationshintergrund oder Handicaps wie Schulversagen oder gravierende psychosoziale Probleme. Viele von ihnen bringen einen frühzeitigen und schwerwiegenden Missbrauch von Substanzen und gleichzeitig eine geringe Bereitschaft zur Regeleinhaltung mit.

  • Schließlich spielt auch die Größe der Schule eine wichtige Rolle. Schulen mit einigen tausend Schülern und Kollegien mit über 100 Lehrkräften erschweren die Abstimmung untereinander und die Implementierung einer neuen „Schulkultur“.

Es ist daher wenig verwunderlich, dass die Verbreitung des Substanzkonsums in Berufsbildenden Schule im Vergleich zu anderen Schultypen hoch ist. Während in der Haupt- und Realschule der Anteil der Raucher/innen bei 9,3 bzw. 8,5% liegt, sind es an Berufsbildenden Schulen 32,1%. Diese Raucherquote ist auch deutlich höher als an der SEK 2 allgemeinbildender Schulen (18,7%) und sogar höher als die Raucherquote in der Erwachsenen Gesamtbevölkerung (ca. 25%).

Der Anteil der Schüler/innen mit riskantem Konsum von Alkohol ist an Berufsbildenden Schulen (13,4%) sechsmal höher als an Hauptschulen (2,4%) oder Realschulen (2,2%). Jede/r dritte Schüler/in hatte in den 30 Tagen vor der Befragung einen Alkoholrausch (BZgA 2017).

Schüler/innen, die im Jahr vor der Befragung Cannabis konsumiert haben, sind in der Berufsbildenden Schule (19,2%) um ein Vielfaches häufiger vertreten als in der Haupt- (3,6%) und Realschule (5,3%).

Im Unterschied zur SEK 1 wird von den Schülern/Schülerinnen an der Berufsbildenden Schule das Rauchen kaum als Problem wahrgenommen. Selbst an Pflegeschulen, in denen die schädlichen Wirkungen des Rauchens tagtäglich unmittelbar im beruflichen Blickfeld liegen, gehen 78% der Rauchenden und 65% der Nichtrauchenden davon aus, dass das Rauchen an der Schule akzeptiert sei (Rustler).

Konsum bzw. Missbrauch von Substanzen wie Tabak, Alkohol der Cannabis stellen Berufsbildende Schulen vor vielfältige Probleme. Am deutlichsten sichtbar ist der Rauchertreffpunkt in der unmittelbaren Schulumgebung, der für viele Schüler/innen ein wichtiger sozialer Fokus darstellt. Dies begünstigt den Einstieg in den Substanzkonsum. Trotz Rauchverbots auf dem Schulgelände wird das Rauchen weiterhin als dominante soziale Norm wahrgenommen. Unter diesen Umständen sind auch Personen, die bisher nicht geraucht haben (z.B. die neuen Schüler/innen) stets Anreizen zum Rauchen ausgesetzt.

Die Probleme im Zusammenhang mit den Rauchertreffpunkten berühren nicht nur das Konsumverhalten der Schüler/innen, sondern auch strukturelle „Basics“ wie Verhältnis zu den Nachbarn, Verschmutzung der Nachbarschaft, Schulimage, Konsum von und Handel mit illegalen Drogen, Vorbildverhalten der Lehrkräfte, Regelsicherheit, Gleichbehandlung, Pausenangebote, Zuständigkeiten usw.

In den Rauchertreffpunkten in der Schulumgebung bietet sich der Handel mit illegalen Drogen aufgrund der fehlenden Kontrollen geradezu an. Auf Seiten der Lehrkräfte wird diese Gefährdungssituation entweder ausgeblendet („wir sind dort nicht zuständig“) oder es werden eigene Unsicherheiten in der Einschätzung des Konsums wahrgenommen.

Laut Bundesagentur für Arbeit ist ein problematischer Substanzkonsum das größte Vermittlungshemmnis in die Berufstätigkeit bei unter-25-Jährigen. Der Konsum von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen ist somit nicht nur ein maßgeblicher Risikofaktor für die Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sondern auch für deren berufliche Entwicklung und gesellschaftliche Integration.