Die Situation in Einrichtungen der Jugendhilfe

Der Suchtmittelkonsum von Jugendlichen in stationaren Jugendhilfeeinrichtungen ist in vielerlei Hinsicht alarmierend. So ist dort die Raucherquote (50%) viermal höher als in der gleichaltrigen repräsentativen Stichprobe (LWL/BZgA, 2011). Der Anteil der täglich Rauchenden (30%) ist sogar sechsmal höher (5%). Der Einstieg in das Rauchen erfolgt bei Jugendlichen, die in der Jugendhilfe untergebracht sind, durchschnittlich 3 Jahre früher als in der Allgemeinbevölkerung.

 

 

 

Abb.  Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsum Jugendlicher in Jugendhilfeeinrichtungen

         des LWL (2014) und der gleichaltrigen Allgemeinbevölkerung (BZgA 2012)

In Jugendhilfeeinrichtungen befinden sich anteilig viermal so viele Cannabiskonsumenten (Jahresprävalenz) wie in der repräsentativen Vergleichsgruppe (LWL, 2014). Betrachtet man den Konsum illegaler Drogen unter Ausschluss von Cannabis, so zeigt sich, dass immerhin 6,6% der Jugendliche in ihrem Leben und 4,4% auch in den letzten 12 Monaten Drogen genommen haben. Dabei handelte es sich in erster Linie um Amphetamine und Drogenpilze.

Lediglich beim Konsum von Alkohol bleiben die Jugendliche (eher die Jungen als die Mädchen) unter den Werten in der gleichaltrigen Vergleichsgruppe. Ein Viertel der Befragten hatte schon einmal wegen Alkohol- oder Cannabiskonsums Probleme in der Wohngruppe.

Mädchen sind sowohl vom Zigarettenkonsum als auch von Alkohol deutlich mehr betroffen als Jungen und sie sind viel häufiger wegen Alkoholintoxikation im Krankenhaus (LWL, 2014, BZgA, 2012).

Die meisten Jugendlichen kommen bereits vor der stationären Unterbringung in Kontakt mit Suchtmitteln, vielfach im Elternhaus. Gleichzeitig haben nur wenige (3 %) bereits vor der aktuellen Maßnahme suchtbezogene Hilfen in Anspruch genommen.

Über den Substanzmissbrauch hinaus sind Jugendliche in Jugendhilfeeinrichtungen häufig von anderen gravierenden Problemlagen betroffen:

  • Mehr als zwei Drittel berichten von Gewalterfahrungen. Mädchen und Jungen in Jugendeinrichtungen sind damit deutlich öfter von Gewalt betroffen als Gleichaltrige in der Allgemeinbevölkerung.

  • 58% haben schon selbst Gewalt ausgeübt.

  • 38,3% der Jungen und 20,5% der Mädchen sind bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

  • 17% haben schwere oder mittelschwere psychische Störungen, 27% leichte.

  • Jugendliche in Jugendhilfeeinrichtungen kommen ganz überwiegend (61%) aus Familien mit Transferbezug.

  • Drei Viertel der Jugendlichen haben alleinerziehende Elternteile.

  • In den Familien und im sozialen Umfeld der Jugendlichen, werden in erheblichem Maß Suchtmittel konsumiert, z. T. in abhängiger Weise

  • Ein Drittel hat Eltern mit einer ausländischen Herkunft.

  • Ein Viertel der Jugendlichen sind Förderschüler, mehr als ein Drittel sind Hauptschüler.

Insgesamt ist der Zusammenhang zwischen Gewalterfahrung, psychischen Problemen, Armut und erzieherischem Bedarf der Jugendlichen evident. Offenbar werden angesichts dieser Häufung gravierender Probleme bei einem großen Teil der Zielgruppe häufig suchtbezogene Probleme übersehen oder hintangestellt.

 

Abb. Einschätzung von Konsum und Suchtproblemen LWL 2014

 

Die Abbildung zeigt, dass zwischen den Angaben der Jugendlichen zu ihrem Substanzkonsum und der Wahrnehmung der Fachkräfte eine große Lücke klafft. Die Fachkräfte unterschätzen deutlich sowohl die Verbreitung als auch die Intensität des Konsums und damit den Grad der Suchtgefährdung. Damit verbunden sind folgende Auffälligkeiten (LWL 2014):

  • Der Stellenwert suchtbezogener Aspekte und der Umgang mit dem Konsum von Suchtmitteln in den Einrichtungen sind weder in den Konzeptionen noch in den Teams ausreichend geklärt.

  • Suchtbezogene Themen finden generell selten Eingang in Teamsitzungen und Supervision.

  • Obwohl die Kooperation mit der Suchthilfe als wichtig eingestuft wird, findet sie kaum statt.

  • Zwar unterschätzen viele Fachkräfte Substanzprobleme der Jugendlichen in ihren Einrichtungen, sie zeigen sich jedoch fast alle bereit, mit suchtgefährdeten Jugendlichen zu arbeiten und sich mit suchtbezogenen Themen auseinanderzusetzen (90,5%).

  • Drei Viertel der befragten Fachkräfte befürworten eine gänzlich suchtmittelfreie Einrichtung, zwei Drittel würden in jedem Fall das Rauchen verhindern.

  • Ein Teil der Fachkräfte empfindet Machtlosigkeit gegenüber dem Suchtmittelkonsum der Jugendlichen: Mehr als ein Viertel der Mitarbeiter/innen sind der Meinung, dass man gegen das Rauchen der Jugendlichen sowieso nichts machen kann und 12,3% gehen davon aus, dass es sich beim Alkohol ebenso verhält.

  • Andererseits finden 85,6% der Befragten es wichtig, bzgl. des Rauchens und 95,4% bzgl. des Alkoholtrinkens mit gutem Beispiel voranzugehen.

  • Vor diesem Hintergrund finden die meisten Fachkräfte es sinnvoll, im Rahmen von Teamsitzungen oder internen Fortbildungen suchtmittelspezifisches Fachwissen zu bekommen (90,8%) und würden es begrüßen, suchtbezogene Aspekte im Team zu reflektieren (84,4%).

  • 64% der Fachkräfte halten Rauch-Stopp-Maßnahmen für sinnvoll, jedoch berichtet nur eine kleine Minderheit, dass solche Maßnahmen durchgeführt werden. Auch Projekttage oder gemeinsame Aktionen mit Fachkräften für Suchtprävention waren, obschon mehrheitlich als wichtig eingeschätzt, Ausnahmen.

  • Tatsächlich nehmen Fachkräfte suchtbezogene Fort- und Weiterbildungen aber kaum in Anspruch.Anders als bei den legalen Suchtmitteln verhält sich die Wahrnehmung und Bewertung des Konsums von illegalen Suchtmitteln, darunter vorrangig Cannabis.

  • Drei Viertel der Befragten halten Cannabis für deutlich gefährlicher als den von Alkohol und Nikotin. Im Unterschied zu den legalen Drogen wird das Gefährdungspotential und die Verbreitung von illegalen Drogen eher überschätzt. So wird Cannabis häufig als Einstiegsdroge eingeschätzt. Gleichzeitig ist vielen Fachkräften die rechtliche Dimension des Konsums nicht bekannt: 52,3 % wissen nicht, dass sie sich strafbar machen können, wenn sie bei Konsum oder Besitz von Drogen nicht eingreifen.

 

Für die Einrichtungen ergeben sich unter diesen Voraussetzungen oftmals folgende Probleme:

  • Konsumverbote und Konsequenzen bei Verstößen sind selten klar geregelt oder werden nicht kommuniziert und verbindlich durchgesetzt, d.h. Fachkräfte bieten keine Orientierungen. Jugendliche interpretieren dies als Akzeptanz des Konsums.

  • Mitarbeiter/innen konsumieren in vielen Einrichtungen Alkohol oder Zigaretten in der Einrichtung oder sogar in Gegenwart von Jugendlichen (Rauchergruppen, externe Veranstaltungen, Feierlichkeiten). Das mangelnde Vorbildverhalten wird von den Jugendlichen ebenfalls als Akzeptanz des Konsums interpretiert.

  • Mitarbeiter/innen handeln nicht abgestimmt im Umgang mit konsumierenden Jugendlichen insbesondere auch bei Regelübertretungen. Dies führt zu Ungleichbehandlungen, die für Jugendliche nicht nachvollziehbar sind.

  • Es fehlt an Informations- und Reflexionsangeboten für Jugendliche zum Substanzkonsum, zu dessen Folgewirkungen, zu den Möglichkeiten des Ausstiegs aus dem Konsum bzw. zur Reduzierung des Konsums.

  • Jugendliche, die den Konsum beenden oder reduzieren wollen, erhalten in der Einrichtung nur selten Hilfe.

  • Für Jugendliche, die suchttherapeutischen Hilfebedarf haben, werden nur selten geeignete externe Hilfen hinzugezogen. ​Eine verbindliche Zusammenarbeit der Hilfesysteme ist selten, so dass auch die Abgrenzungen der fachlichen Aufgabenbereiche meist unklar bleibt.

  • Mitarbeiter/-innen sind über Substanzen, deren Folgewirkungen, die rechtlichen Implikationen des Konsums und mögliche Interventionen nicht hinreichend informiert. Sie fühlen sich daher unsicher im Umgang mit konsumierenden Jugendlichen und neigen zur Über- oder Unterschätzung der Gefährdungspotentiale einzelner Suchtmittel.

  • Bestehende Unsicherheiten und Unkenntnisse bewegen Träger von Jugendeinrichtungen häufiger als notwendig, Jugendlichen mit Substanzmissbrauch den Zugang in die Einrichtung zu verwehren, obwohl mit diesen Personen mit relativ geringem Qualifizierungsaufwand eine professionelle Arbeit möglich wäre.

 

Die vielfältigen Probleme, die für Jugendliche aus dem Substanzmissbrauch erwachsen können, zeigen, dass ein fachlich fundierter Umgang mit diesen Jugendlichen integraler Bestandteil des pädagogischen Alltags in den Einrichten sein muss. Die Bereitstellung grundlegender Informations- und Hilfeangebote durch das Mitarbeiterteam ist zur Abwendung von Schäden erforderlich. Fachkräfte sind hierfür angemessen zu qualifizieren. Die Qualifizierung muss allerdings im Aufwand überschaubar bleiben und die Durchführung der notwendigen Maßnahmen muss leicht umsetzbar und in den Alltag integrierbar sein. Das betrifft den Zeitaufwand wie auch die Möglichkeit, Interventionen im fallindizierten Einzel-Setting oder in Wohngruppen mit allen betreuten Jugendlichen durchzuführen.